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Modell eines Runensteines

Als Runen bezeichnet man die alten Schriftzeichen der Germanen. Der Sammelbegriff umfasst Zeichen zeitlich und regional unterschiedlicher Alphabete.

Runen können einerseits als Zeichen für jeweils einen Laut (oder im Fall der ng-Rune für eine Lautverbindung) geschrieben werden (Alphabetschrift), andererseits als Zeichen stehen für die jeweiligen Begriffe, deren Namen sie tragen. Daneben können sie Zahlen darstellen oder als magisches Zeichen verwendet werden. Abgesehen von einer kurzen Phase im hochmittelalterlichen Skandinavien wurde die Runenschrift nicht zur Alltagskommunikation verwendet und die Zeichenformen entwickelten sich nicht ausgerichtet auf eine flüssige Gebrauchsschrift (weitere Informationen).

Die Runen sind vermutlich weder unabhängig entstanden, noch sind sie von den Germanen als fertiges Schriftsystem übernommen worden, sondern wurden weitgehend eigenständig nach Vorbildern südeuropäischer Schriften entwickelt. Sie treten allerdings schon sehr früh als komplettes Alphabet mit 24 Buchstaben auf. Vor allem die lateinische Schrift, aber auch die zahlreichen vom Lateinischen verdrängten und untergegangenen Schriften des keltisch-alpin-italischen Raums kommen als Vorbilder in Betracht. Runen gehen damit – sowohl in ihrem Prinzip einer Buchstabenschrift als auch in der Form vieler Lautzeichen – letztlich auf die große phönizisch-aramäische Familie von Alphabeten zurück, die im 1. Jahrtausend v. Chr. im Gebiet des Libanon und Syriens entstanden sind und zu denen auch alle heutigen europäischen Schriften gezählt werden (weitere Informationen).

Der Ursprung der Runenschrift ist zeitlich und räumlich kaum zu erhellen, weil die ältesten Belege eben bereits einen etablierten Satz von Zeichen präsentieren. Das erste gesicherte Auftreten von Runen, und zwar auf der Halbinsel Jütland (südlich bis ins heutige Schleswig-Holstein) sowie in Schweden, fällt in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts (Gegenstände wie z. B. Waffen aus Mooropferplätzen in Jütland wie Vimose, Illerup Ådal, Nydam, Thorsberg). Weitere Informationen zur Verbreitung der Runensteine finden Sie hier.

Vorstufen der Schrift, an denen ihre Entstehung nachzuvollziehen wäre, konnten nicht zweifelsfrei identifiziert werden. Das äußerliche Charakteristikum der Runen ist die Vermeidung waagrechter und gebogener Linien, was früher immer wieder die Vermutung aufkommen ließ, dass es sich um eine Buchstabenumformung handelt, die dazu geeignet sein sollte, vor allem in hölzernes Material geritzt zu werden. Man nahm folglich an, dass Vorstufen der Runen nur deshalb nicht bewahrt sind, weil ihr mutmaßlicher Träger Holz sich schlechter als Metall erhalten hat. Neuere Funde (z. B. Moorfunde von Illerup Ådal, Dänemark) zeigen jedoch auch gerundete Formen (z. B. bei der Odal-Rune) auf metallenen Waffenteilen.

Die älteste überlieferte Runenreihe (nach den ersten sechs Buchstaben fuþark –Futhark-genannt) bestand aus 24 Zeichen, die in drei Abschnitte eingeteilt waren. Sie wurden anfangs nur bei nordgermanischen Stämmen verwendet, später, in der Völkerwanderungszeit auch bei Ostgermanen und Westgermanen. Gut 350 Inschriften in dieser ältesten Runenreihe wurden bislang entdeckt.

Alle jüngeren Runenreihen ab etwa 700 leiten sich vom älteren Futhark ab.

Die eckige Form der Runen unter Vermeidung waagerechter oder gebogener Linien macht deutlich, dass Runen insbesondere zum Einritzen in Holz gedacht war. Das kann bedeuten, dass die Runenschrift verbreitet war, bevor man begann, feste Granitblöcke mit Runen zu beschriften und zu verzieren. Nach wie vor ist man geneigt, zu meinen „Schrift“ sei bei den frühen Germanen und Wikingern unter dem einfachen Volk unbekannt gewesen.

Inzwischen wurden in Norwegen viele Runenstäbchen aus Hafenschlick geborgen, die nachweisen, dass die Schriftform auch unter einfachen Handwerkern verbreitet war. Diese in Bergen gefundenen Vorläufer der „SMS“ enthalten Fragen und Antworten auf den Vorder- und Rückseiten.

Ein in Thüringen gefundener Kamm aus Hirschgeweih stellt eine wissenschaftliche Sensation dar. Er wird auf 300 n. Chr. Datiert und enthält die geritzte Inschrift „KABA“. Zu lesen ist diese Inschrift als Ka(m)ba was Kamm bedeutet.

Dieser Kamm ist die älteste bekannte germanische Schrift in Mitteldeutschland und der südlichste Nachweis von Runen in dieser Zeit.

Der Nachweis der maskulinen Endung –a in dieser frühen Zeit ist sprachgeschichtlich eine Sensation, da hiermit ein bislang fehlendes Bindeglied in der Entwicklung vom Urgermanischen zur westgermanischen Sprachfamilie gefunden wurde. Dieser Sprachfamilie gehören das Deutsche, Niederländische, Friesische und zu Teilen auch das Englische an, einer Sprachengruppe, die heute die halbe Welt als lingua franca nutzt.